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VERAPPLET - DAS NEUE IPAD

Kolumne gepostet von Klopfer am 29.01.2010 um 13:45 Uhr
 
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KlopferGesegnet sei das Jetzt, denn uns ist Großes beschert worden: Gott (in Form von Apple) hat uns am 27. Januar wieder etwas geschenkt, um uns von der Herrlichkeit seines Propheten Steve Jobs zu überzeugen. Das iPad lindert den Hunger der Armen, baut Unterkünfte für die Erdbebenopfer in Haiti und besiegt nebenbei Krebs und AIDS.

Nein, Quatsch. Das iPad ist ein aufgeblasener iPod Touch für Kurzsichtige. Die Konstrukteure bei Apple haben schlicht und einfach dessen Unterlagen auf einen Kopierer gelegt und ein paar Mal auf die „Vergrößern“-Taste gedrückt. Das Resultat ist natürlich, dass das Teil nur das kann, was auch das iPhone oder der iPod Touch können, lediglich mit 10 Zoll Bilddiagonale, und es sich daher auch nicht mehr einfach in die Jackentasche stopfen lässt. Apple selbst beschreibt das Teil in seiner Presseerklärung schon in der Überschrift ganz bescheiden als „Magical &
Revolutionary Device“, woraus ich schließe, dass eine Zoom-Funktion für Apple
magisch und revolutionär ist.

Okay, das kann man verschmerzen. Eine Firma jubelt ihr eigenes Produkt hoch – was ist schon dabei? Das iPad wird wie alles von Apple etwas sein, welches das, was es kann, ganz gut erledigt, aber der Konkurrenz auch nicht Lichtjahre voraus ist. Was mir aber extrem auf den Sack geht, ist der Fanatismus der Apple-Fanboys, die auch die ganze Berichterstattung dominiert haben. Monate bevor Steve Jobs seine Predigt auf der Bühne abhielt, entkam man nirgendwo den Berichten darüber, wie toll das Tablett von Apple sein wird, auch wenn man noch gar nicht wusste, ob Apple tatsächlich eins in Planung hat. Die Presse, deren Aufgabe es eigentlich ist, kritisch zu hinterfragen, masturbierte öffentlich vor lauter Ekstase über das vielleicht kommende Produkt und schleuderte allen Lesern ungefragt die Sahne ins Gesicht. Über die Tablet-PCs anderer Hersteller goss man bereits Verachtung und demonstratives Desinteresse aufgrund der angenommenen Minderwertigkeit gegenüber dem immer noch nicht angekündigten iPad.

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Als dann tatsächlich das iPad enthüllt wurde, mussten vermutlich selbst die Fanboys etwas schlucken, fassten sich aber relativ schnell und entblödeten sich nicht, wieder einmal davon zu schwärmen, dass das Ding doch eigentlich die Wucht in Tüten sei und dazu noch viel billiger, als man angenommen hatte. (Aktienspekulanten waren mit Apple wohl nicht so zufrieden – der Kurs stürzte nach der Ankündigung ab, ganz anders als bei der Produktpräsentation des iPhone.)

Auch der Mangel an Innovation wurde rasch gerechtfertigt: Apple wäre ja nicht bekannt dafür, immer die neueste Technologie zu benutzen (warum darf ich mir dann aber so oft etwas über die revolutionären Multitouch-Oberflächen anhören?), sondern vielmehr sie zu vereinfachen und alle Funktionen zu entfernen, die der durchschnittliche Nutzer nicht braucht. Ja, darin ist Apple wirklich großartig. Beim iPhone haben die Apple-Mitarbeiter wohl deswegen auch die „Copy Paste“-Funktion weggelassen, die nun wirklich sowas von unnütz für die normalen Verbraucher ist, dass man sie später wieder (mitsamt der ebenfalls unnützen MMS-Funktion) einbaute, wofür Apple dann erneut Lob von den Fanboys einstrich. Immerhin können die Käufer des iPads sich nun in der wohligen, selbstzufriedenen Gewissheit suhlen, wenn nicht unbedingt den modernsten, aber immerhin den modischsten Tablet-PC der Welt zu besitzen. Zumindest für ein Jahr, denn Apple wird vermutlich wie bei den iPods und den iPhones jedes Jahr auch ein neues iPad vorstellen. Die Fanboymeute mit den unangenehm schweren Portemonnaies polstert schließlich ihr Selbstwertgefühl damit auf, immer das neueste Trendspielzeug zu haben. Wer da nicht den Hype mit neuen Produkten anheizen kann, ist da schnell weg vom Fenster. (Sieht man zum Beispiel an Motorola, das nach dem RAZR auf dem Handymarkt auch nichts mehr reißen konnte.)

Sehr beunruhigend an dieser fanatischen Ergebenheit gegenüber den Produkten der Firma mit dem Apfel ist, dass dieses Unternehmen ohne größere Gegenwehr eine marktbeherrschende Stellung aufbauen und missbrauchen kann. Das Apple iPhone ist keine offene Plattform – ohne gecracktes Gerät kann nur Software aus dem AppStore installiert werden, und welches Programm dort hinein kommt, bestimmt allein Apple. Würde Microsoft verlangen, dass man bei ihnen um Erlaubnis fragt, bevor man Programme für Windows Mobile schreibt und verkauft, oder gar die Programmierer dazu zwingen, nur eine bestimmte Vertriebsplattform zu benutzen, stünden vermutlich schon die ersten Leute mit Fackeln und Mistgabeln vor der Firmenzentrale in Seattle. Ähnlich sieht’s bei SymbianOS, Android und PalmOS aus. Aber Apple ist etwas Besonderes, und plötzlich finden viele gar nichts dabei, wenn ein Unternehmen direkte Kontrolle darauf ausübt, wie seine Produkte benutzt werden.

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Als Adobe versuchte, ein Flash-Plugin fürs iPhone in den AppStore zu kriegen, verweigerte Apple die Freigabe. Die Fanboys rechtfertigten das natürlich gleich wieder damit, dass Apple die Nutzer nur davor bewahren möchte, den Akku in Nullkommanichts zu entleeren. Die tatsächliche Motivation ist, dass Apple mit Flash auf dem iPhone die Kontrolle darüber abgeben würde, welche Programme auf dem Gerät laufen dürfen. Wer jetzt bestimmte Spiele wie Bejeweled spielen möchte, der muss sie kostenpflichtig im AppStore kaufen (wobei Apple 30% einsackt), anstatt sich mit kostenlosen Flash-Varianten im Internet zu begnügen.

Und welche Überraschung: Das iPad benutzt das iPhoneOS, ist also ebenfalls auf die Programme im AppStore beschränkt. Sollte das iPad also die wegweisende Wirkung haben, die viele erwarten, so werden die von Apple eingerichteten Stores für Medieninhalte (wie Ebooks) und Software für die Anbieter überlebenswichtig sein. Wer mobil Erfolg haben will, muss dann seine Produkte so gestalten und zensieren, dass sie Apple in den Kram passen. (Aus einem ähnlichen Grund gibt es so wenig Spiele für Erwachsene in den USA – WalMart würde sie nicht ins Sortiment nehmen, und die Umsätze von anderen Geschäften würden nicht ausreichen, um die Entwicklungskosten einzuspielen.)

Bedenklich? Es kommt noch besser. Fast ein bisschen untergegangen ist, dass der Prozessor des iPads ein von Apple selbst entwickelter Chip ist. Wenn Apple anfängt, selbst Prozessoren zu fertigen, so wäre es durchaus denkbar, dass auch die normalen Macs bald nicht mehr mit normalen Intel-Prozessoren arbeiten, sondern mit Apple-Eigenentwicklungen. Daraus folgt, dass dann auch zukünftige MacOS-Versionen den Dienst auf frei verfügbaren Chips verweigern könnten – Apple könnte so nicht nur die lästigen „Hackintoshs“ verhindern, sondern hätte nebenbei auch die Möglichkeit, das Softwareangebot für Macs wie bei den iPhones und iPads zu steuern. Software wird schließlich immer seltener auf physischen Datenträgern ausgeliefert, und die Verbreitung auf den ansonsten abgeschlossenen Macs würde dann genauso über AppStores laufen. Apple könnte so die aus historischen Gründen gewachsene Öffnung ihrer Systeme für Third-Party-Anbieter wieder zurückschrauben und an jeder verkauften Mac-Software mitverdienen.


WAS ICH DAMIT SAGEN WILL:
Apple ist kein dreijähriges Kind, welches auf dem Spielplatz von ein paar Rabauken vermöbelt wird, sondern ein milliardenschwerer Konzern, der erstens Geld verdienen und zweitens sicherstellen will, später noch mehr Geld zu verdienen. Er braucht keine Jubelperser, die kostenlos die Öffentlichkeitsarbeit für ihn machen, weil sie der heiligen Kirche des Jobs beigetreten sind und bedingungslos alles toll finden, was aus Cupertino kommt und angefressenes Kernobst auf dem Gehäuse hat. Wer ein Apple-Produkt hat und mag, soll seine Freude daran haben. Aber man möge mich doch bitte verschonen mit Lobgesängen auf Produkte, die noch gar nicht erschienen sind, und auf eine Firma, die alles andere als philanthropisch veranlagt ist. Danke.
geschrieben von Klopfer  
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