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An sich ist Need for Speed eine ruhmreiche Rennspielserie. Gigantische Meilensteine wie ein Need for Speed: Porsche oder das stilprägende Underground gibt und gab es ebenso wie einen unvorstellbaren Erfolg über alle Plattformen; mit Need for Speed: Shift wurde ein sehr guter und erfolgreicher Schritt in Richtung halbe Simulation getan. Nun ist - nach diversen sehr erfolgreichen Entwicklerausritten - wieder Urentwickler Black Box an der Reihe und hat ordentlich aufgerüstet: Über 3 Jahre Zeit, die FrostBite 2 Engine für maximale Grafikpracht und der Fokus auf eine Geschichte im Hollywood-Stil - ein sympathischer Fahrer mit Geldproblemen, ein paar böse Jungs und ein gigantisches Straßenrennen quer durch die USA sind die Zutaten. An sich klingt das nach einem Mega-Hit - nur dummerweise hat Black Box so manchen Schnitzer zwischen Panoramen, Lawinen und Luxusschlitten untergebracht. Ob sich die Fahrt trotzdem lohnt erfahrt ihr hier...
The Run - Generell
- Man benötigt zwingend DirectX10
- Wie in Battlefield 3 kommt Origin zum Einsatz. Als Belohnung für die Mühe kann man das Spiel ohne DVD spielen, aber nicht weiterverkaufen.
- Es gibt etwa 600 Kilometer Strecke quer durch die USA - Abwechslung wird großgeschrieben.
- Es gibt über 60 voll lizensierte Supersportwagen.
- Autolog ist wieder dabei.
Ein wirklich bedrückender Beginn...
Los geht es für unseren Potagonisten Jack in einer echten Zwickmühle: In einem Luxuswagen, der leider gerade in einer Autopresse landet. Da gibt es nur eine Möglichkeit: Auf ein paar eingeblendete Tasten hämmern - Quicktime-Events müssen ja nicht gleich schlecht sein - darum aus der Todesfalle entkommen, lossprinten, einen Wagen nehmen und dann entkommen. Blöd dabei: Die bösen und stilecht in schwarze Anzüge gekleideten Buben verfolgen uns, drängen uns gerne ab und nutzen dazu auch noch ihre Maschinenpistolen überreichlich. Sind wir reaktionsschnell genug, so gelingt uns die Flucht - wenn nicht, dann dürfen wir dank Rücksetzfunktion ein paar Mal vom letzten Checkpoint einen neuen Versuch starten und eben notfalls das Rennen mitsamt allen Sequenzen neustarten. Zu Beginn eines Spiels. Knallhart. Eine Sequenz informiert uns kurz darauf, dass eine alte Bekannte uns bei einem Rennen durch die USA angemeldet hat - wer gerade von Kredithaien fast zu allerfeinstem Menschenmuus verarbeitet worden wäre, der schnappt sich jeden Strohhalm. Folglich geht es in die Garage und damit zur Wagenauswahl: Zur Wahl stehen zu Beginn ein Ford Mustang, ein BMW M3 und weitere flotte, wenn auch nicht zu flotte Fahrzeuge. Wir entscheiden uns und rasen auch schon los - von Los Angeles geht es bis nach New York...
Panoramen und Charaktere...
Egal ob Hauptheld......Oder Freundin...
...Oder Polizisten mitsamt Umgebung...
...Oder enfach nur die Umgebung...
Need for Speed: The Run sieht klasse aus...
Die Weite der Straße...
An sich könnte man hier bereits sagen: Stopp. Das wärs mit der Geschichte. Echte Twists und Turns gibt es nicht, wirklich viel passiert auch nicht mehr wirklich. Wir rasen also schön brav immer die Straße entlang, rasseln dabei hoffentlich nicht in den Gegenverkehr und fast genau so verdammt langsame und in unserer Richtung fahrende Schrottmühlen herein und versuchen uns in eigentlich nur drei verschiedenen Events: Möglichst schnell unter Zeitdruck ein paar Checkpoints abklappern, eine bestimmte Anzahl Kontrahenten überholen oder Duelle gegen gerade mal zwei oder drei deutlich härtere Gegner. Das ist an sich wirklich nicht schlecht; ja, das ist sogar komplett logisch, weil wir eben ein Rennen quer durch die USA fahren. Es gibt einen Start und ein Ende, dazu keine Regeln und ab und an noch die Polizei.
Aber am Ende krankt das System an massenhaft Mängeln: Es mag ja sein, dass man auf einer Etappe 10 Fahrer überholen muss - aber warum eigentlich genau 10 und nicht 9 oder 11? Das ist ein Rennen über tausende Kilometer, keine Rally-Etappe. Es gibt keine Rundkurse mehr - ja, das erspart und das nervige Ausrufen von "Nicht schon wieder diese Strecke!"; führt aber andererseits eben auch zu dem blöden Problem, dass man eben ein Mal durchheizt, die Strecke nie wiedersieht und das wiederum dazu führt, dass die Geschichte bemerkenswert kurz ist: Knappe 2 bis 3 Stunden braucht man je nach Können an reiner Fahrzeit; dank hartem Schwierigkeitsgrad und fiesen Gegnern wird man vermutlich etwa 3 bis maximal 6 Stunden beschäftigt sein. Das scheint für ein Vollpreisspiel verdammt wenig zu sein. Und wo man mit abwechslungsreichen Strecken punktet, versagt man komplett beim Realismus, der ja sonst irgendwo da ist: Von Checkpoint zu Checkpoint rasen und sich den Weg im Stile eines Midnight Club L.A selber suchen? Geht nicht - wer kreativ wird, der wird gnadenlos an den letzten Checkpoint zurückgesetzt...
Fahren wie Vin Diesel
So viel Kritik so früh im Test? Aua - ist The Run wirklich so schlecht? Überraschenderweise eben absolut nicht: Die Fahphysik macht mit dem arcadigen Driften, den millimetergenau zu steuernden Fahrzeugen und den wilden Driftorgien in Kurven einen Heidenspaß, die brachiale Urgewalt eines Ford Mustangs, eines Lamborghinis oder eines Paganini Zonadas spürt man so perfekt. So lässig und so kontrolliert slidet man sonst nirgends um Haardnadelkurven - die Reifen qualmen nach dem Betätigen der Handbremse, dann brüllt der Motor auf, während die Kamera kurz zur Seite schwenkt und die Hinterreifen sich manchmal in den Asphalt, oft aber auch ins Gras neben der Piste fressen. Dazu das ohrenbetäubende Brüllen vom Motor, die tollen Soundtracks, die Belohnung in Punkteform für den Drift und das Überholen eines Gegners - ja, The Run könnte vom fahrerischen Aspekt her so endgeil sein, wenn da nur nicht zwei grausame Entscheidungen getroffen worden wären: Man wird andauernd zurückgesetzt werden, weil man die Strecke verlassen hat. Gut, es gibt normalerweise 5 Replay-Optionen für jedes Rennen, die von den fair verteilten Checkpoints gestartet werden - das ist gar nicht das Problem. Aber wenn man 4 Meter neben der Strecke schon zurückgesetzt wird, wobei man schon wieder auf dem Weg vom Drift-Ausritt zurück auf die richtige Fahrbahn ist, dann nervt das einfach nur - und das System ist oftmals inkosequent umgesetzt worden: Manchmal ist man weit weg von Gut und Böse abseits der Piste unterwegs und nichts passiert, dann wieder bekommt man volles Pfund die böse Seite von The Run zu spüren, obwohl man nur ganz knapp auf Abwegen unterwegs war. Und die zweite Entscheidung? Um wirklich schnell zu sein brauchen wir Nitro - und der Vorrat ist nicht nur zu schnell leer, sondern regeneriert trotz Fahren im dichten gegenverkehr oft quälend langsam. Ein Crash oder ein dummes Fahrmanöver, und wir können gleich wieder von vorne starten.
Die Polizei - Dein Feind und Nerver
In Rennspielen hat die Polizei schon seit ewigen Zeiten nur ein Ziel: Uns den Spaß zerstören. Nagefalfallen sind nervig, Helikopter auch und dazu sind Straßensperren so furcht anstregend, wenn man langsam werden muss und kein Nitro hat. In The Run hat die Polizei die Nagelstreifen weggelassen und versucht sich lieber an fortschrittlicher Taktik: Uns rammen, wild im Funk fluchen, Straßensperren mit mindestens einer autobreiten Lücke offen lassen und uns immer wieder Autos entgegenschicken, die sich querstellen, sodass man langsam und Zickzack fahren muss. Das mag anfangs ganz cool sein, danach nerven die bösen Buben nur noch. Und weil sie immer gescriptet an der gleichen Stelle erscheint, ist die Überraschung nach drei Resets weg und man weiß, was da passiert. Bis dahin hat man aber trotzdem geflucht...
Motivation? Hier!
Damit wir nicht zu gefrustet von den kleinen Schnitzern sind, spendiert uns The Run - wie die letzten Teile der Franchise - mit Autolog ein großartiges Online-System: Für jede Aktion rasseln Punkte aufs Konto, mit denen steigen wir dann im Level auf, schalten neue Fähigkeiten - Windschatten, besseren Boost und Co. - oder Fahrzeuge frei und freuen uns wie ein Schneekönig über die Online-Ranglisten. Jeder Freund unseres Accounts, der sich The Run auch schon geholt hat, wird - sofern er das Event schon gespielt hat - mit unserer Gesamtzeit verglichen. Das ganze System mag primitiv erscheinen, motiviert aber glücklicherweise wie in den Vorgängern bis in die Haarspitzen: Dem Typen noch eine Zehntelsekunde abzunehmen muss doch möglich sein, oder? Und zur weiteren Motivation gibt es dann ja auch noch die Geschichte...
Hollywood war hier!
Dass Need for Speed: The Run ist Sachen Geschichtenerzählen weder Bäume noch Kartoffeln ausreißt, sollte wohl kein Geheimnis sein. Auch Underground oder Most Wanted brachten maximal einen bösen Typen mit ein paar anderen bösen Typen und dann den guten Typen auf den Bildschirm - das muss doch reichen. An sich reicht das ja auch aus. Klar, wenn man die paar Story-Sequenzen sieht, dann stellt sich unweigerlich die Frage: Warum gab es nicht ein paar mehr davon? Oder warum hat man sie nicht ganz weggelassen? Abseits von der generell fehlenden Substanz - Warum tut wer was, warum ist der Typ im schwarzen Auto so sauer und warum können wir nicht ein bisschen mit den anderen Fahrern interagieren?! - macht The Run eine gigantische Menge richtig: Ein bombastischer Soundtrack - der sowohl an Hans Zimmer erinnert als auch noch massenhaft tolle aktuelle Musik beinhaltet; wunderschöne und abwechslungsreiche Strecken, tolle Skripts - Lawinen in den Rocky Mountains, Sandstürme in der Wüste und Ähnliches - ja, The Run bedient sich großzügig bei Hollywood und schafft es so auch, dass man die Fehler gerne vergibt. Wenn man gerade einen Berg herunterrast und überall Lawinen losgehen, dann sieht das nicht nur unvorstellbar aus, sondern ist auch noch ein echter Traum; in Kalifornien über ikonische Brücken aus der Stadt hinaus zu brausen oder sich auf von goldenen Blättern bedeckten Landstraßen vor New York Renenn mit der Polizeit zu liefern, ist klasse. Auch die zwei oder drei stark beim Marketing in den Vordergrund gestellten Stellen, wo wir per Quicktime-Events zu Fuß unterwegs sind, sind nicht unbedingt realistisch, dafür aber sehr filmisch; die Fahrten durch bekannte Gebiete sind dazu noch wunderbar in Szene gesetzt worden. Nur doof: Am Ende bleibt die Geschichte wie alle Charaktere blass, eine echte Auflösung gibt es - fast schon im Stile von Michael Bay - auch nicht.
The Run is just the Beginning...
Ein Blick auf die Uhr: Viereinhalb Stunden Spielzeit, auf der Uhr stehen - Resets, Neustarts und Co. sei es gedankt - eigentlich nur knappe 135 Minuten. The Run ist fertig und am Ende. Sagen diverse Tester - stimmt aber nicht. Wer will, der schnappt sich den Multiplayer-Modus, fährt die aus jeweils sieben Spielern bestehende Konkurrenz in The Run dank toller Fahrerskills in Grund und Boden. Oder man versucht sich an den Challenges. Da geht es auf den - dank einmaligen Durchspielen - generell fast unbekannten Strecken auf Zeitenjagd, um spezielle Ziele zu erfüllen, und dafür mehr Autolog-Punkte und neue Fahrzeuge freizuschalten.
Technische Unregelmäßigkeit
Wer bis hierhin gelesen hat, wird eine Sache mitbekommen haben: The Run ist teilweise ein bombastisches, teilweise ein durchschnittliches und manchmal ein wirklich mieses Rennspiel. Und das setzt sich bei der Technik fort: Tolle Sequenzen, großartige Sprecher und bombastische Musik treffen auf genial aussehende Landschafte und Fahrzeugmodelle, nur um von der ganz fehlenden Kantenglättung wieder ein Stück weit in den Dreck gezogen zu werden. Das stylishe Design und die vielen Details in den Fimsequenzen trifft dann - ein bisschen wie ein Rennwagen auf einen Laster - auch noch auf Fahrzeuginnenräume, die so aussehen, als ob sie 2004 entworfen worden wären; dazu gibt es dann auch noch ab und an Abstürze. Trotzdem: Technisch ist The Run meistens ein wunderschönes Spiel, die meisten Screenshots taugen locker als Panorama - es wäreso toll, wenn all die kleineren Fehler nicht wären...
Cooler Quickie
Ich würde Need for Speed: The Run so gerne voll und ganz empfehlen können. Weil es meistens toll aussieht, wirklich viel Spaß macht und Momente hat, an denen man es echt liebt. Aber dann kommen immer wieder Fehler durch, die einfach nur traurig machen und Kopfschütteln auslösen: Eine an sich in Grundzügen ganz gute Geschichte wird zwar zu Beginn toll präsentiert, aber weder erklärt noch richtig aufgelöst. Die tolle Technik wird durch fehlende Details und Inkonsistenz beschädigt; das abwechslungsreiche Rennen durch die USA auch noch durch logische Fehler getrübt. Was bleibt am Ende? Eine wilde Jagd durch die USA, viele Challenges und der Multiplayer. Und ein Spiel, dass zwar immer wieder seine genialen Momente hat, viel zu oft aber von Fehlern, Schludrigkeiten und Unlogik ausgebremst wird. Und so bleibt Need for Speed: The Run eigentlich immer nur Mittelmaß - mit etwas mehr Sorgfalt und mehr Mut zu neuen Ideen wäre es dank all der vorhandenen Qualitäten großartig geworden. So aber ist The Rund irgendwie nur ein kleines Stückchen eines viel besseren Spiels, dass wir hoffentlich irgendwann mal als "The Run 2" präsentiert bekommen...
Wertung: Befriedigend
geschrieben von Sir Uruk.Inc

