Ich denke, es ist an der Zeit, die Spieleindustrie einmal daran zu erinnern, warum ich überhaupt spiele. Ich mache das nicht, weil ich zu wenig Arbeit hätte oder weil mein Stresslevel gesundheitsschädigend niedrig wäre. Ich spiele, um mich zu amüsieren.Das scheint ein bisher ungekanntes Konzept für die Branche zu sein, denn viele Spiele wollen mich anscheinend zu ihrem Sklaven machen, der Wochen seines Lebens investieren soll, um gnädig hingeworfene Belohnungen vom Boden auflecken zu dürfen. Ganz besonders trifft das auf Rennspiele zu.
Wenn ich für ein Spiel der „Burnout“-Reihe 40 Euro auf die Ladentheke packe, dann möchte ich nicht nur wie ein Irrer durch die Straßen fahren und gigantische Unfälle verursachen. Ich möchte mit dem Feuerwehrtruck, der mir in einem Ladebildschirm präsentiert wird, wie ein Irrer durch die Straßen fahren und gigantische Unfälle verursachen. Ich habe für die ganzen Inhalte schon bezahlt, also warum zwingt mich das Spiel, unbedingt jede Menge Rennen zu gewinnen und die Weltjahresproduktion an Automobilen zu Klump zu fahren, bevor ich die richtig geilen Schlitten steuern darf?
Ähnliches bei „Gran Turismo 4“. Ich rase um den Kurs, das Adrenalin kocht in meinen Adern, die Pferdestärken röhren aus dem Motorblock, ich lasse meinen Wagen gekonnt um die Kurve driften, ein fahrender Gott, saftstrotzend, bis zum Bersten mit Testosteron gefüllt und bereit, die Boxenluder nach dem Rennen in den Himmel und zurück zu rammeln… wenn ich nicht erst einmal in einem gebrauchten Honda über die Strecke zuckeln müsste, um Geld zu verdienen, damit ich meinen virtuellen Hintern irgendwann im McLaren-Mercedes SLR parken darf und mir endlich vorstellen kann, ich hätte ein kleines Geschlechtsteil und würde das mit diesem Supersportwagen kompensieren. Das Spiel bietet zwar einen Arcade-Modus an, aber in dem sind auch nicht alle Wagen des Spiels verfügbar.
Ich bin ein erwachsener Mensch, meine Freizeit ist spärlich, ich habe weder Lust noch die Möglichkeit, Monate meines Lebens damit zu verbringen, langwierig eine virtuelle Karriere aufzubauen, nur damit mich das Spiel irgendwann für würdig erachtet, den ersten VW Golf GTI zu fahren. Ja, ich verstehe, es soll eine Belohnung für die Leute sein, die das Spiel spielen und wirklich gut darin sind. Aber die sind wohl eher 14 Jahre alt, picklig und noch im Stimmbruch, haben das Geld für das Spiel nicht selbst erarbeiten müssen und sind ein ideales Ziel, auf das ich meinen Hass gegen die Welt projizieren kann, weil ich langsam alt und grummelig werde und der Jugend die Schuld an meinem Elend gebe, ebenso daran, dass ich jetzt beim Schreiben des Satzes den Faden verloren habe und ihn bis zum nächsten Punkt wiederfinden muss. Was ich damit sagen will: Diese Spiele bestrafen die Leute, die ein Leben abseits der Spielkonsole führen und für die das Spielen eine gelegentliche, oft nur kurze Ablenkung darstellen kann. Liebe Spieleprogrammierer, kommt uns Werktätigen entgegen. Bemalt die Karren meinetwegen in brutalrosa oder klebt Hello Kitty auf die Motorhauben, solange man eure Voraussetzungen nicht erfüllt hat. Aber bitte sperrt eure zahlenden Kunden nicht aus, nur weil sie nicht viel Zeit in das Spiel investieren können oder wollen.
Aber auch in anderen Genres möchte ich den Herstellern gelegentlich die Nüsse abreißen, weil sie ihr Publikum anscheinend nicht verstehen. Irgendwelche cleveren Spieldesigner glauben vermutlich, dass jeder Spieler beim Spielen von RPGs oder Adventures eigentlich gar keine RPGs oder Adventures spielen möchte, sondern lieber hektische Actionspielchen oder komplexe Sportsimulationen. Ich glaube, das fing noch harmlos mit dem Adventure „Indiana Jones and the Last Crusade“ von Lucasfilm Games an, wo jeder Faustkampf zu einer aufgeregten Actioneinlage wurde. Zum Glück konnte man sich um jede Keilerei herum mogeln, und im Nachfolger „Fate of Atlantis“ gab’s eigens eine Schummeltaste, mit der man die Klopperei wenigstens abkürzen konnte. Schon neun Jahre später quälte „Final Fantasy X“ dann mit einem unnötigen Blitzball-Turnier und trieb mich noch tiefer in den Wahnsinn, den ihr jetzt ausbaden müsst, indem ihr meine Texte lest. Mittlerweile traut sich fast kein Spiel, welches eigentlich mit Intelligenz und Logik gelöst werden sollte, ohne bekloppte Minigames auf den Markt, bei denen es nur darum geht, seine Geschicklichkeit zu beweisen und mit der Schussfrequenz einer Maschinenpistole in der richtigen Reihenfolge auf die Buttons zu hämmern. Ich mag keinen Sport. Mochte ich schon in der Schule nicht. Und wenn ich mich seelisch darauf eingestellt habe, einer spannenden Geschichte zu folgen und dabei an Rätseln herum zu knobeln, möchte ich nicht aus meiner körperlichen Lethargie gerissen werden, nur weil der Designer irgendwann beim Ausarbeiten des Spielkonzepts in eine Identitätskrise schlitterte.
Ich kann nur hoffen, dass diese Designer nicht irgendwann auch in die restlichen Genres hineinrutschen. Sonst kommt irgendwann der Tag, an dem der neueste FIFA-Teil den Spieler vor ein Schachbrett setzt, bevor er die zweite Halbzeit starten kann, in der er mindestens fünf Tore schießen muss, damit er die deutsche Nationalmannschaft spielen darf. Denn dann, fürchte ich, sind Computerspiele wirklich für Amokläufe verantwortlich.
geschrieben von Klopfer
WEITERLESEN? DAS DÜRFTE DICH AUCH INTERESSIEREN:
PLANET DER PIMMEL?
11.08.2008 06:24 Uhr
NO MORE WORLD OF WARCRAFT!
25.07.2008 00:48 Uhr
MYTHEN AUS DER SPIELEWELT
04.09.2008 00:09 Uhr
DAS NEUE HOLLYWOOD
20.07.2008 23:59 Uhr
DAS NEUE HOLLYWOOD
20.07.2008 23:59 Uhr

